Kulturelle Erwachsenenbildung

 

Seit 1994 führe ich - oft gemeinsam mit meiner Kollegin Constanze Weth - Projekte der Kulturellen Erwachsenenbildnung für SeniorInnen durch.
Ich arbeite u.a. gern mit Älteren, weil ich mich gerne darin übe, die Ambivalenz auszuhalten: dass ich selbst wahrscheinlich irgendwann einmal alt sein werde und andererseits die Alten sehr fremd sind. Einerseits erhalte ich in den Projekten Inspiration durch das, was sie produzieren. Andererseits habe ich das Gefühl, in den Projekten viel geben zu können.

Struktur der Projekte
Unsere Teilnehmenden: Alte Leute, die noch aktiv sind, oft aber wenig Geld haben und u.a. deshalb von den Angeboten Gebrauch machen.
Wir wählen ein Thema, von dem wir annehmen, dass es sie interessieren könnte.
Die Seminare enthalten einen Input durch Referate von Constanze und mir, durch Besuche von Orten, Begegnungen mit anderen.
Ein weiterer Fokus liegt auf dem Herstellen, dem vermitteln von handwerklichen Fähigkeiten - oft gegenseitig - und auf der Bereitschaft zum Experiment.
All das sind Aspekte, die mir in meiner Arbeit als Künstlerin wichtig sind.
Die Gespräche und Diskussionen, die sich entwickeln, sind Teil des Projekts.
Es geht uns in den Projekten auch immer darum, Löcher zu lassen, durch die sich Auseinandersetzung einschleichen kann. Eine Rahmung für den alltäglichen Streit herzustellen. Ein Rahmen, der es möglich macht, Werte und Existenzbedingungen zu befragen. Insofern handelte es sich für uns auch um Projekte der Kritik.

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird die Gesellschaft stark altern. Die gesellschaftliche Sicht auf Ältere und der Älteren auf sich selbst wird sich dadurch zwangsläufig wandeln. Schon jetzt bevorzugen es ältere Leute zunehmend nicht als homogene Gruppe mit für sie zugeschnittenen Angeboten entworfen zu werden, sondern an generations- und interessenübergreifenden Angeboten teilzuhaben.
Gegenwärtig wird unter anderem in der Arbeitsforschung an der Frage gearbeitet, wie sich in einem gesellschaftlichen Gefüge, das deutlich mehr über- als unter Sechzigjährige aufweist, Arbeit und soziales Leben gestalten kann.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung plant unter dem Titel "60+" die Förderung von interdisziplinären Projekten, die sich auf unterschiedliche Weise mit dieser Fragestellung beschäftigen.
Ein auf der UN-Weltkonferenz verabschiedeter internationaler Aktionsplan benennt Altenpolitik als Schlüsselpolitik. Schwerpunkte stellen die Verbesserung der Lebenssituation, gesellschaftliche Teilhabe, Selbstbestimmung, Menschenrechte und die Gender-Perspektive dar.
Ob künstlerische Kompetenz in diese Diskussion einfließen kann, hängt unter anderem von der hier versammelten Gruppe ab - von Leuten aus dem kulturellen Feld, die interessiert daran sind, mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten kulturelle Erwachsenenbildung mitzugestalten.

Kulturelle Bildungsarbeit mit Älteren könnte unter diesen Vorzeichen in Zukunft ein wichtiges Arbeitsfeld werden, Es sollte ihr gelingen, einen Anschluß an diese Diskussion herzustellen.
Durch meine Forschungsarbeit lernte ich in England Projekte mit Alten kennen, die direkt an Gegenwartskunst anknüpften und von Galerien für Gegenwartskunst initiiert wurden.
Gegenwartskunst wird in diesen Zusammenhängen als Ressource begriffen, von der die unterschiedlichsten Leute auf unterschiedlichste Weise profitieren können.
Mir ist dieser Ansatz sehr sympathisch. Ich beginne nach Möglichkeiten zu suchen, wie ich die kulturelle Bildungsarbeit mit Älteren in stärkere Korrespondenz zu aktueller Kunstproduktion bringen könnte.

Fragen, die ich in diesem Zusammenhang wichtig finde, sind:
1. Können wir unsere jeweiligen besonderen Fähigkeiten als KünstlerInnen und die Potentiale von Gegenwartskunst für die Erwachsenenbildung fruchtbar machen?
2. Kann unsere Arbeit und unser Arbeitsfeld durch die Interaktion mit Älteren bereichert werden?
3. Lohnt es sich, die Distinktionsmaschine, die dazu führt, dass sich das Kunstfeld nicht für die Alten - wenn sie nicht Louise Bourgois oder David Hockney sind- und die Alten nicht für Gegenwartskunst interessieren, anzuhalten? Oder hat das alles schon seine Richtigkeit, denn es war immer schon so und kann ruhig so bleiben?

Projekte:
Kulturelle Erwachsenenbildung für SeniorInnen:

mit Dorothee Wallner:

1994 "Durch die Blume gesehen - Blumenbilder an der Wand und auf der Straße"
für die Berliner Seniorenwoche

mit Constanze Weth:

1996
"Zwischen Haupt und Himmel: über die Kulturgeschichte des Hutes, mit Einführung in das Hütemachen"

1997
"Staubgold: Über positive Konzepte von Armut, mit Einführung in das Handwerk des Vergoldens"

1998
"Dumme Gans und schlauer Fuchs: über Mensch-Tier-Vergleiche"

1999
"Ein Wagen für den Karneval der Kulturen"

2000
Radiosendung "Kreuzberg 2000"

sonstige Projekte in der Kulturellen Erwachsenenbildung:

März 1998
"Kunst als Lebensmittel", Seminar zum Umgang mit zeitgenössischer Kunst im Martin Butzer Haus Bad Dürkheim

September 1998
Workshop zu "Alles wird gut" auf der "3. Werkleitz Biennale"

April 1999
"Auf Umwegen zum Geistigen in der Kunst: Über Fallen, Fehler und Fragmente"
Workshop auf der Jahrestagung der DGFP, Burkhardthaus, Gelnhausen

Juni 1999
"Theorie und Praxis zeitgenössischer Kunst in der VHS" Fortbildungsveranstaltung für VHS - DozentInnen in der HVHS Jagdschloß Glienicke

September 1999
"Zeit für Reine Farbe", Projekt zur Ausstellung "Das XX. Jahrhundert-Geist und Materie" in der Neuen Nationalgalerie Berlin

2000 / 2001
Kunstcoop©

2002
Workshop zu Kunst im sozialen Raum im Rahmen von KunstKur, altes Speichergebäude, Lohmen / Mecklenburg

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
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