Vom 23.1. - 13.2. 1999 richtete ich zusammen mit Alfred Banze, Ingeborg Lockemann und Nina Sidow in der Galerie Koch und Kesslau, Berlin eine ethnografische Wunderkammer ein.
Die darin zahlreich präsentierten Objekte resultierten aus Versuchen, sich das Fremde, Exotische oder zur Zeit nicht Verfügbare anzueignen.
Als "german trained artists" ist es uns nicht gelungen, uns von unseren kulturellen Kodierungen oder unserer akuten Lage abzukoppeln.


Deswegen sind die Aneignungsversuche schiefgegangen.
Die Exponate materialisierten deren Scheitern, oft auf üppige und skurrile Art und Weise. In die Sammlung integriert war die "Museumspädagogische Abteilung - Klischeekatalysator", die den BesucherInnen vielfältige Möglichkeiten bot, sich an der Ausstellung zu beteiligen.
"Doublebinddoubles", Knetfiguren, modelliert nach rituellen Masken der Amazonasregion, in Panoramakästen
"Doublebindmobile" ( Fotografien von Masken aus der Amazonasregion und deren Knetgummidoubles)
alles aufnehmen, nichts preisgeben gelassen bleiben, geheimnisvoll ausstrahlen Charme und Schlagfertigkeit richtig dosieren
Drei rituelle Masken für die perfekte Künstlerin
Pappmacheé, Fotokopien, Draht, Glasmurmeln, Knetgummi, Lack, Filz, Faden, Gummiband
   
so war es
es ist aber auch ganz anders gewesen

"Klischeekatalysator", museumspädagogische Abteilung mit den Bereichen "Malen und Zeichnen", "Plastisches Gestalten" und "Kreatives Schreiben"

 
Malen und Zeichnen

Wählen Sie eine oder mehrere der Motivkarten aus.
Welche Bilder entstehen beim Lesen der Bildunterschrift
in Ihrem Kopf?
Versuchen Sie sich an einer Zeichnung oder Filzstiftmalerei.

Die entstandenen Bilder können Sie mitnehmen
oder damit unsere Sammlung ergänzen
**.


*Alle Bildunterschriften stammen aus
Maler-Sieber, Gisela:
"Völkerkunde die uns angeht"
Gütersloh 1978.

**Eine Veröffentlichung der Werke
im Rahmen einer Publikation wird von
©Klischeekatalysator angestrebt.
Bitte hinterlassen Sie deshalb auf der
Rückseite Ihres Bildes einen Vermerk,
wenn Sie mit einer Veröffentlichung
nicht einverstanden sind.

Die Geburt gehört zu den elementaren Lebenskrisen, die in allen Kulturen von besonderen Ritualen begleitet werden. In ihnen wird deutlich, daß der Mensch als soziales Wesen durch seine jeweilige Gesellschaft definiert wird.
 
ausgewählte Dokumente stehen Ihnen an dieser Stelle als PDF-Dokumente zum Download und anschliessendem Selbstversuch zur Verfügung.
Motiv 1 Motiv 2 Motiv 3 Motiv 4
 

Plastisches Gestalten

Lassen Sie sich von ihrem Ausstellungsbesuch inspirieren und
verändern Sie die Maske mit
Knetgummi.
Schrecken Sie nicht vor Entstellungen,
Unheimlichkeiten oder merkwürdiger Farbgebung zurück.

Machen Sie am Ende Ihrer Arbeit ein Foto, um ihre Erscheinung zu bewahren.

Schon der nächste Gast wird der Maske ein anderes Gesicht verleihen.

 
Kreatives Schreiben

Betrachten Sie die gerahmte Fotografie* ausführlich: Sie ist ein Rätsel
mit vielen Lösungen.
Welches ist Ihre Antwort?
Schreiben sie zu der Fotografie ihre Geschichte,

ihr Gedicht, einen Satz oder auch nur ein Wort in das vor ihnen
liegende Buch. Lassen Sie Ihren Beitrag im Buch, damit andere
ihn lesen können oder nehmen Sie ihn als Andenken an ihren
Besuch von "Deutsch trainierte Künstler" mit nach Hause
.

*Die Fotografie erhielt ©Klischeekatalysator von Herrn Lenk, Deutsche Botschaft Kigali.
 
In seinem Buch "Die Ordnung der Dinge" erwähnt Michel Foucault eine "gewisse chinesische Enzyklopädie", in der sich die Tiere folgendermaßen gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e)Sirenen, f) Fabeltiere g) herrenlose Hunde,
h) in diese Gruppierung gehörige, i)die sich wie Tolle gebärden, k) die mit ganz feinem Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.
Er nimmt dieses Beispiel um zu sagen, das alle diese Dinge und Kategorien ihren gemeinsamen Platz lediglich in der Sprache haben, das Menschen (unseres Kulturkreises) Sprache benutzen, um Wirklichkeit zu konstruieren und sich ordnend in der Welt zurechtzufinden. Diese Notwendigkeit sich "ordnend in der Welt zurechtfinden", gebrochen von dem gleichzeitigen Bewußtsein, daß es immer nur willkürliche, zeitweilige und brüchige Ordnungssysteme geben kann, ist eine der Antriebsfedern für meine künstlerische Arbeit. Denn einerseits bin ich jener Notwendigkeit natürlich selbst unterworfen, und die Kunst ist zunächst einmal die von mir auserkorene Weise, mich durch das Dickicht zu schlagen; durch die Produktion meiner eigenen Kategorien, durch das permanente Schaffen von Symbolen, die den Dialog mit den anderen und mit mir selbst nicht abreißen lassen. Andererseits bietet die Sprache der Kunst, die sich (wie die Sprache der Liebe) nicht an ihrem Nutzen messen lassen muß, gleichzeitig die Möglichkeit, die Skepsis an jeder aufgestellten Kategorie mitzuartikulieren: meine Ordnungen sind bewußt fragmentarisch, ironisch und unterhalten lediglich eine lockere Verbindung zum allumfassenden Anspruch einer Enzyklopädie.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum mich das Beispiel der chinesischen Enzyklopädie interessiert. Es stellt sich mir die Frage, warum Foucault (und vor ihm Borges, von dem er das Beispiel hat) auf eine chinesische Enzyklopädie zurückgreift. Sicher gibt es auch in unserem Teil der Welt genügend Möglichkeiten, die Willkür der vom Menschen unternommenen Versuche bei der Ordnung der Phänomene zu illustrieren. Das Fremde, weit Entfernte, das Exotische, das in dem Ausdruck "eine gewisse chinesische Enzyklopädie" mitschwingt, muß den beiden gelegen gekommen sein oder hat sie zumindest selbst gereizt. Möglicherweise sind sie dem Reiz des Exotischen aufgesessen, den wir alle (Europäer oder Bewohner der westlichen Welt) seit Beginn der "Entdeckungsfahrten", d. h. des Kolonialismus in uns tragen. Diese Epoche war auch der Beginn der großen Ordnungsversuche: der Enzyklopädien und Atlanten, der ersten Museen als Wunderkammern.
Bei der Konfrontation mit dem Fremden scheint offenbar neben Angst, Faszination und Neugier auch der Wunsch nach Aneignung und Einverleibung eine Rolle zu spielen. Diese wechselvolle Dynamik, in der ich mich wiederum selbst befinde, ist ein anderer Aspekt meiner künstlerischen Praxis.
Wieder kann es nur darum gehen zu zeigen, daß auch jede Form der Aneignung immer nur fragmentarisch bleibt: egal, wie listig oder gewaltsam die Einverleibung des Fremden erfolgt, es bleibt immer der viel beschworene Rest, dessen ich nicht habhaft werden kann.

Hier sehe ich eine wichtige Dimension und Kunst und damit auch meiner eigenen künstlerischen Werke: in dem Moment, da ich sie öffentlich mache (z.B. in der geplanten Ausstellung), sind sie das Fremde, mit dem sich die anderen konfrontieren. Durch Blick und Sprache wird auch dann versucht, sich das Fremde anzueignen, und wieder bleibt etwas übrig, das die totale Nähe verweigert. Im Umgang mit jenem unvermeidlichen Rest treffen sich Kunstproduktion und Kunstrezeption. Die Mühe und die Lust, die aus diesem Umgang resultieren sind es, die mich auf beiden Seiten, dem Kunst-machen und dem über-Kunst-sprechen, halten und treiben. Deswegen möchte ich während der Dauer der geplanten Ausstellung gerne Führungen als eigenen künstlerischen Beitrag anbieten.

 

   
 

Wunder gibt es überall

 

Hallo Nina, Locke und Alfred.

Hier kommen die genauen Instruktionen für die Realisation des Unternehmens "Wunder gibt es überall".

1. Die Aktion wird am 10. Januar von 15.30 Uhr bis 15. 50 Uhr deutsche Zeit durchgeführt (im Ausland bitte eventuelle Zeitverschiebung mitkalkulieren). Die relativ späte Tageszeit ist durch meine Anfahrtszeit bedingt.

2. Ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt in Eurer kartografischen Mitte, auf ca. 49, 96° Länge und 7, 55° Breite. Nach meinem bisherigen Wissensstand liegt dort der Ort "Kümbdchen", nahe Simmern/Hunsrück.

3. Bitte begebt Euch zu dem Platz an Eurem Stipendienort, der für Euch aus welchen Gründen auch immer einen besonderen Bezugspunkt bildet. Führt eine Kamera mit Selbstauslöser oder, viel besser jemanden mit, der die Kamera bedienen kann.

4. Von 15.30 bis 15.50 Uhr entzieht Eurem Stipendienort bitte Eure künstlerische Energie und sendet sie in meine und Eure gegenseitigen Richtungen. Welche Form diese Energievernetzung bei jedem und jeder von Euch annimmt, ist Eurem individuellen Gestaltungsdrang überlassen. Wichtig ist, daß der Vorgang fotografisch festgehalten wird.

5. Zur gleichen Zeit werde ich mich in Kümbdchen / Hunsrück an einem Platz aufhalten, zu dem mich meine ästhetischen Vorlieben spontan geleitet haben. Von 15.30 bis 15.50 Uhr werde ich mich ganz auf den Empfang Eurer kreativen Energie konzentrieren. Gleichzeitig werde ich Euch meine senden. Ich werde zudem die empfangene Energie bündeln und in eine handvoll blaues Knetgummi* fließen lassen. So wird in 20 Minuten eine Skulptur entstehen, in der sich unsere vernetzte Kreativität materialisiert. Wir werden alle gemeinsam für wenige Augenblicke ein kulturelles Zentrum in der Peripherie verwirklicht haben. Natürlich wird auch dieser zentrale Akt fotografisch dokumentiert werden, durch einen Menschen, der mir nahe steht und mein Schaffen schon seit 20 Jahren begleitet.

6. Wenn die Aktion beendet ist, sendet mir bitte sofort den belichteten Film.

Eure Carmen

* Blaues Knetgummi aufgrund zwei künstlerisch relevanter Entscheidungshilfen:
a) innere Eingebung b) ich habe noch viel davon übrig.

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