ÜBER GRIFFE ZWISCHEN RÄUME
künstlerische Intervention in der Gefängniskapelle der JVA Bruchsal
 

 


Im ersten Halbjahr des Jahres 2000 soll in der Gefängniskapelle der JVA Bruchsal das Kunstprojekt "Über Griffe Zwischen Räume" stattfinden. Dazu gehört ein breitgefächertes Programm, das bezug nimmt auf eine dreiteilige künstlerische Intervention. Die drei Teile des Kunstwerks in der Kapelle übernehmen jeweils unterschiedliche Funktionen, sind aber atmosphärisch aufeinander bezogen. In ihrer Summe erschließen sie neue Möglichkeiten der Raumwahrnehmung, der Liturgiegestaltung und der Sicht auf das Leben und Arbeiten im Gefängnis für Insassen, Bedienstete und BesucherInnen.

   

Auf halber Höhe der Kapelle (auf der Höhe der Galerie) wird ein Zwischenboden aus Holz eingezogen. Der Zwischenboden muß so konstruiert sein, daß er ca. 100 Personen tragen kann und den notwendigen Sicherheitsauflagen Rechnung trägt. Nach drei Monaten kann er entfernt werden, ohne daß bleibende bauliche Veränderungen notwendig sind. Teile der vorhandenen Architektur bleiben sichtbar.

Das alle im Gefängnis stattfindenden Begegnungen bestimmende (Macht-) Gefälle (zwischen den Insassen und jedweder Person von außerhalb) wird mit dieser Innenarchitektur ein weiteres Mal festgeschrieben. Aus unserer Sicht ist dieses Machtgefälle gerade im Bereich der Gefängnisseelsorge ein vielschichtiges und unausweichliches Problem. Es gilt, dieses immer wieder neu bewußtzumachen, kritisch zu hinterfragen und durch die eigenen Handlungen aufzubrechen. Der Gottesdienst kann dafür eine Plattform sein.

Querschnitt der Kapelle
 
Form des Raumes mit eingezogener Ebene

Das Kunstwerk bietet unterstützend die Chance, den Raum durch seine Verfremdung neu zu entdecken, alte Handlungsmuster spielerisch zu brechen und Anderes zu versuchen. Mit unserem Eingriff auf Zeit möchten wir eine Situation schaffen, in der sich alle Beteiligten während des Gottesdienstes zunächst einmal räumlich auf der gleichen Ebene befinden und sich gegenseitig sehen und begegnen können. Die neu eingezogene Ebene wird jedoch nicht den ganzen Raum ausfüllen. So wird deutlich, daß es sich nur um ein Fragment, einen Versuch handeln kann, daß ein so lange festgeschriebenes Machtgefälle trotz der künstlerischen Intervention nicht aufhebbar ist und zwangsläufig weiterhin die Grundlage des Handelns bildet. In dem neu entstandenen Raum wird zusätzlich zu Bestuhlung (und Altar bei Gottesdiensten) ein Fremdkörper installiert.

   
Dabei handelt es sich um eine mundgeblasene Form aus Glas, die auf den ersten Blick als Sandsack oder Punchingball, wie er beim Boxtraining verwendet wird, zu erkennen ist. Viele der Gefängnisinsassen betreiben Kraft- und betrieben Kampfsport, so daß die Form den meisten von ihnen aus ihrer Alltagswelt bekannt ist. Das Material Glas rückt das Objekt aus der Alltagserfahrung heraus: in diesen "Sandsack" hineinzuschlagen, bedeutete, ihn kaputt zu machen und sich gleichzeitig selbst zu verletzen.
Mit seiner Filigranität und Zerbrechlichkeit ist das Objekt eine Antithese zum Gefängnis: ein leicht zerstörbares, sauberes Etwas in einem schmutzigen, aber total gesicherten und kontrollierten Umfeld.
Gleichzeitig spiegelt es die Situation des Gefangenen im wörtlichen Sinne wieder, die geprägt ist von "totaler Transparenz": ständig im Blick der Überwachenden, ständig nach Vordrucken und in Akten erfaßt und bewertet, sind alle seine Schritteabhängig von Entscheidungen der staatlichen und juristischen Vollmacht.
Zeichunungen der zu verwendenden Objekte
   
Die Ebene läuft parallel zum Raum und schließt auf der Höhe der Empore an der dritten Bank von hinten ab. Die seitlich entstehenden Hohlräume werden mit Sperrholz verschlossen, so daß ein großes Podest entsteht. Die Treppen bleiben begehbar.
Die Kapelle wurde 1988 unter denkmalschützerischen Gesichtspunkten rekonstruiert. Bezugnehmend auf die anfängliche Gestaltung aus den 1840er Jahren bestimmen lange Reihen hoher, steil ansteigender, hölzerner Bänke den heutigen Kirchenraum. Predigte der Pfarrer ursprünglich von der Galerie aus, sozusagen auf die Gefangenen herunter, befindet sich der Altar inzwischen im Bodenbereich, von wo aus nur die aus dem gewaltigen Gestühl herausragenden Köpfe der Gottesdienstbesucher zu sehen sind.
 
Raumzeichnung
 
Im Zwiespalt zwischen Anpassung und Auflehnung hängt der Sandsack aus Glas im Raum und entfaltet sein provokatives Potential.
Der dritte Teil der Intervention besteht aus 50 Glaskelchen. Diese erfüllen ihre Funktion erst in dem Moment, in dem die Besucher des Raumes Gebrauch von ihnen machen. Die Kelche haben verspiegelte Böden, die bewirken, daß beim Leeren eines Kelches das Gesicht des Trinkenden erscheint. In das Glas sind fünfzig verschiedene Begriffe oder Sätze eingraviert, jeder Kelch trägt eine andere Beschriftung. Diese Begriffe spiegeln auf offene und vielschichtige Weise verschiedene Problematiken des Gefängnisalltags.
Der Titel der Arbeit "ÜBER GRIFFE ZWISCHEN RÄUME" ist ein Beispiel für eine mögliche Beschriftung. Aber auch Zitate von Insassen können der Stoff einer solchen Beschriftung sein. Die Kelche werden bei Mahlfeiern zum Einsatz kommen, aber auch sonst im Raum präsent und für alle Teilnehmer sichtbar und greifbar sein.Durch diese dreiteilige Intervention schaffen wir einen neuen Raum, in dem andere Formen der Wahrnehmung, Auseinandersetzung und Begegnung möglich werden als bisher. Gleichzeitig wird das Kunstwerk auch Plattform und Spielfeld für ein breitgefächertes Veranstaltungsangebot, das unser Leitmotiv
"Über Griffe Zwischen Räume" im Gefängnisalltag auf positive Weise erlebbar macht. Neben Mahlfeiern und Frühstücksgottesdiensten soll ein Angebot von verschiedenartigsten Veranstaltungen im Bereich Musik, Literatur und bildender Kunst mit Künstlern von drinnen und draußen die Chance bieten, Weisen und Sichtweisen vom Leben im Gefängnis zu verändern. Selbst wenn diese Angebote nur von einer Minderheit in der Vollzugsanstalt angenommen werden, so bieten sie doch exemplarisch die Möglichkeit, jenseits aller politischen, verwalterischen und therapeutischen Techniken ein offenes Miteinander und gleichwertige Begegnungen zu suchen und zu gestalten.
Angesichts des mehr als ambivalenten Verhältnisses der Öffentlichkeit zum Thema Strafvollzug möchten wir versuchen, das Projekt auf so vielen Ebenen wie möglich öffentlich zu machen.
Dazu sind bisher geplant:
-eine permanente, von außen sichtbare Diaprojektion im Schaufenster eines Pavillions, der sich auf der Grenze zwischen Antaltsgelände und Außenraum befindet. Die Dias informieren Passanten über die Ausstellung und über Zwischenergebnisse der Werkstatt.
-Einbezug der regionalen und überregionalen Medien
-Führungen in die Kapelle und Teilnahme von Gästen an den Anstaltsgottesdiensten und dem mit "Über Griffe Zwischen Räume geplanten Veranstaltungsprogramm.
-öffentliche Dikussionen und Gesprächskreise in der Anstalt
-Auftauchen der Workshopergebnisse im öffentlichen Raum. Denkbar sind viele Varianten, von aus den individuellen Stempeln hergestellten Bildern/Plakaten, die im Stadtraum auftauchen bis zu einer dauerhaften Installation z.B. des Bodenmosaiks.
 
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