"Steine und Rosetten"
(unrealisiertes Konzept, gemeinsam mit Thorsten Streichardt)

Die Installation ist raumgreifend: eine glänzende Wand, eine Mauer von sechs Metern Länge und über zwei Metern Höhe, aber nur knapp eineinhalb cm dünn, schiebt sich in die Diagonale.

Sie ist umgeben von einer chaotisch wuchernden, floralen Struktur, die sich nach allen Richtungen in den Raum ausdehnt und immer weiter zu wachsen scheint: ein weiches, stumpfes Gestrüpp.

Obwohl die beiden Elemente so unterschiedlich sind, haben sie auch einiges gemeinsam:

-beide sind gebildet aus -zigtausenden stereotypen Einzelteilchen eines
bestimmten Stecksystems
- beide sind aus Kunststoff
- beide haben die gleiche Farbigkeit: gelb, rot, weiß und blau.

Die Mauer ist gebaut aus 44.000 "Lego"-Steinen und zwar nur aus "8ern", die besonders wichtig sind, weil man aus ihnen fast alles bauen kann (praktisches Ziegelsteinformat).
Nur jeweils ein "4er"schließt, bzw. beginnt jede der 220 Reihen.

Das Gestrüpp besteht aus 100.000 "Rosetten", die keinen einprägsamen Firmennamen tragen wie "Lego", die wir aber als Kinder schon "Rosetten" nannten. Wie beim Lego handelt es sich um ein Steckspiel, nur daß man aus diesem fast gar nichts bauen kann, außer ornamentalen oder amorphen Strukturen.
Sichtbare Realität läßt sich mit ihnen nicht nachmodellieren, was sicher erklärt, daß sie niemals so erfolgreich wurden wie das dänische Fabrikat.


"Das Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung, es ist, wie sein gewöhnlicher Name anzeigt, die sichtbar gemachte Allgegenwart.
Und gerade darin ist es ein wunderbarer Stoff: das Wunder ist allemal die plötzliche Konvertierung der Natur. Das Plastik bleibt ganz von diesem Staunen durchdrungen:
es ist weniger Gegenstand als Spur einer Bewegung."
Roland Barthes, Mythen des Alltags


Spiele mit System

Fast alle Kinder unseres Kulturkreises spielen mit Stecksystemen, fast alle Erwachsenen können sich an diese Art des Spiels erinnern.
Früh lernte man, beim Legospiel aus kleinen Teilchen die Welt neu zu erfinden, beliebig zu modifizieren und wieder in einzelne Teile zu zerlegen. Man übte eine totale Kontrolle aus, die man in dieser Weise im Erwachsenenleben selten genießt. Die Faszination des Modellbaus kompensiert diesen Kontrollverlust.
Gleichzeitig war man natürlich den Bedingungen des Materials unterworfen und übte so die Grundlagen des Konstruierens, Kombinierens und Reagierens ein. So gewann man Fertigkeiten, die für den Rest des Lebens nützlich waren.

Vor der Installation "Steine und Rosetten" wird die Erinnerung an das Spiel geweckt. Gleichzeitig wird die vom Marketing suggerierte Faszination, daß man "mit Lego alles bauen kann" frustriert: die Steine sind hier zur Konstruktion einer simplen großen Fläche benutzt worden, so daß keine "Feinarbeit" zu bewundern ist.

Bei dem "Rosetten-Gestrüpp" dagegen ist die in dem Steckspiel einzig wirklich angelegte Möglichkeit der Konstruktion von floralen, wild wuchernden Geflechten auf die Spitze getrieben.

Allein die Tatsache, daß hier zwei augenscheinlich gegensätzliche Strukturen miteinander konfrontiert werden, mag die Assoziation von dualistischen Begriffspaaren wie "gebaut - gewachsen" , "männlich -weiblich", "chaotisch - geordnet" nahelegen. Die Arbeit soll sich jedoch durch ihren Materialwitz und ihre Leichtigkeit solchen direkten Zuweisungen entziehen.

Mit der Verbindung der beiden sehr unterschiedlichen Systeme zu einem erzählerischen Ganzen wollen wir vielmehr versuchen, frühe, spielerische und prägende Formen der Welterfahrung auf sinnliche, poetische und ironische Weise zu hinterfragen.

   
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