Kirchenfenster
 
 

Ich stelle mir vor, wie Leute im Lutherkirchenturm ein Konzert oder eine Lesung hören oder an einer Diskussion teilnehmen. Dabei schweift der Blick beiläufig zum Fenster. Zunächst freuen sie sich an den farbigen Lichtpunkten. Diese geben sich als Worte zu erkennen, die Worte mischen sich in die Gedanken. bringen diese in einen Zwischenraum, auf Abwege, rauhen die Oberfläche der Situation zeitweilig auf. Für Augenblicke geben sie neue Inspiration und helfen einem Gedanken auf die Sprünge.
Dies ist eine eher performative Vorstellung von der Wirkungsweise einer Gestaltung. Sie ist verbunden mit dem Wunsch, die Beweglichkeit und Leichtigkeit eines temporären künstlerischen Eingriffs auch bei der dauerhaft installierten Kunst am Bau zu verwirklichen.

2. Die Ordnung der Begriffe
Ich habe fünf Begriffskategorien festgelegt, denen sich die einzelnen Wörter zuordnen. Den Fünf Begriffskategorien sind wiederum fünf Farbspektren zugeordnet. Taucht ein Begriff innerhalb mehrere Kategorien auf, so wird er mehrmals in verschiedenen Farben verwandt; die jeweils unterschiedliche Bedeutung erschließt sich aus dem Kontext, aus dem Zusammenlesen mit Wörtern einer Farbe.
Die Begriffe erscheinen in Kleinbuchstaben, um den Bedeutungsspielraum zu vergrößern.

Die Festlegung der Begriffe resultiert aus der Auseinandersetzung mit dem Ort: Gespräche mit Personen, die dem Ort auf unterschiedliche Weise verbunden sind, Lesen von dem, was über ihn geschrieben wurde und Aufenthalte an und im Turm. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen - im Gegenteil impliziert die Gestaltung, dass er niemals abgeschlossen werden kann. Wenn das Fenster vollendet ist, wird er in Gedanken der BetrachterInnen weitergeführt.

3. Partizipation
Sollte mein Entwurf realisiert werden, hätte ich großes Interesse daran, die von mir vorgeschlagenen Begriffe zur Diskussion zu stellen und im Rahmen von Workshops gemeinsam mit zukünftigen NutzerInnen zu erweitern und zu verändern.
Wenn zu einem späteren Zeitpunkt eine Gestaltung der kleinen Fenster in den Nebenräumen vorgenommen werden soll, könnte man auf das Gestaltungsprinzip des großen Fensters zurückgreifen. Dei dann verwendeten Begriffe können unter Beteiligung der Kassler Bevölkerung, Mitgliedern der Gemeinde und gezielt eingeladenen interessierten Gruppen entwickelt werden.
Von einzelnen Begriffen des Fensters ausgehend - z.B. "pause", "unterschlupf", aber auch "verdrängen" - könnten Veranstaltungen im Turm wie Gesprächskreise und Kunstaktionen stattfinden, die unter dem jeweiligen Motto stehen. Seminare können die durch die schwebenden Worte hervorgerufenen Assoziationsketten in ihre Arbeit im Turmzimmer einbeziehen. Auf diese Weise kann die Fenstergestaltung zum konstitutiven Teil er Aktivitäten werden, die in der Zukunft in und um den Lutherkirchenturm geplant sind.

Gestaltungskonzept für das Fenster im Lutherkirchenturm

1. Grundgedanken
Über das gesamte Fenster sind Wörter als vielfarbige, schwebende Lichtstreifen verteilt.
Die Gestaltung verzichtet auf bildliche Darstellungen und geht damit eine Verbindung zur lutherischen Lehre ein, welche die Offenbarungskraft des Wortes betont.

Die im Fenster erscheinenden Begriffe markieren die Fäden eines Gewebes aus verschiedenen Bezügen und Atmosphären, welche ich am Lutherkirchenturm wahrnehme. Sie stellen sich nicht eindeutig in einen Dienst, sondern entwickeln ein Eigenleben. Die Wahrnehmung dieses Eigenlebens ist etwas, das beim Betrachten des Fensters geschehen soll, darf und kann. Die Vieldeutigkeit der Begriffskombinationen verweist die BetrachterInnen auf sie selbst als KonstrukteurInnen von Wirklichkeit.

Die Begriffe bezeichnen in ihrer Gesamtheit ein offenes Feld. Der Raum wird ja in Zukunft nicht (ausschliesslich) als Andachtsraum, sondern zur vielfältigen kulturellen Nutzung dienen.
Der durch die Begriffe erzeugte Sprachraum korrespondiert mit dieser offenen Nutzungsmöglichkeit: es kommt auf die RezipientInnen an, wie und ob sie die Worte verbunden und so für sich den Raum gestalten und besetzen.

 

   
Aus einem Brief an Brigitte Becker, Referentin für liturgische Fragen der pfälzischen Landeskirche.

Wo ist die Grenze zwischen Offenheit und Beliebigkeit? Das ist eine Frage, die sich bei der künstlerischen Produktion immer stellt, denn nicht nur beim Umgang mit Begriffen, sondern auch in der ungegenständlichen Malerei und überall steht Dir zu Beginn das ganze Formenuniversum zur Verfügung. Horror vacui. Jede Entscheidung ist eine machtvolle Setzung und gleichzeitig ein Kompromiss. Das bestimmte Gefühl, nichts zu tun sei angesichts dieser Unendlichkeit von Möglichkeiten die bessere Alternative.
Was bleibt, sind Hilfskonstruktionen, um den eigenen Gründen und deren Ursachen auf die Spur zu kommen. Alle Begriffe aus den Auslegungen Luthers zu entlehnen, ist aus dieser Sicht nicht in erster Linie schwierig, sondern eine recht gut abgesicherte Hilfskonstruktion. Läßt Du Dich auf sie ein, vergeht die Panik und Du kannst ruhig und gewissenhaft Deine Arbeit tun. Du hast Dich der Prinzipienfragen (principio = Anfang) auf eine elegante Weise entledigt und kannst jetzt ans Detail gehen, was der erfreulichere Teil der Arbeit ist, bei mir jedenfalls. Plötzlich führt ein roter Faden durch das verschlungene Labyrinth und wenn er abreißt, weißt Du ihn weiterzuspinnen.

 

Auch meine Begriffe sind natürlich Setzungen, das hast Du Dir ja bestimmt schon gedacht........
Ich versuche gerade, das Beziehungsgewebe, das ich am Lutherkirchenturm wahrnehme, so genau wie möglich aufzudröseln und möglichst viele Fäden mit Begriffen zu markieren. Dadurch entsteht ein zumindest auf den ersten Blick undurchschaubares Konglomerat, das Dich als Betrachterin permanent auf das Fragmentarische in allen Dingen und auf Dich selbst als Konstrukteurin von Wirklichkeit zurückverweist. Ob dem alten Luther das gefallen würde?
Der Grat führt entlang zwischen der dauerhaften Spannung, die die Vieldeutigkeit erzeugen kann und ratloser Langeweile, die die Tochter der Beliebigkeit ist. Ob ich den richtigen Weg finde, weiß ich noch nicht (eine Nervosität, die schwer auszuhalten ist). Die Auseinandersetzung mit Dir ist dabei sehr inspirierend (eins von den "Untertan" und "Christenmensch" - Worten wird garantiert Eingang finden) und ich freue mich schon sehr auf das nächste Fax (es gibt einen Lieferengpaß mit den iMacs, sonst könnten wir schon mailen)!
  nach oben