Dieses Konzept entstand im Rahmen der Ausschreibung "Lichtungen" für Kunst im öffentlichen Raum in Kassel

Voraussetzungen

Bei unserer Besichtigung der für die "Lichtungen" vorgesehenen Brachen in Kassel am 28.3.1999 war die wichtigste Beobachtung, daß es sich bei den Flächen nicht um verlassene Orte handelt. Überall fanden sich deutliche Spuren kontinuierlicher Nutzung. Ob es nun DrückerInnen, Obdachlose oder Prostituierte sind - mit diesen Begriffen werden Gruppen bezeichnet, die sehr wenige Möglichkeiten haben, öffentlichen bzw. halböffentlichen Raum zu besetzen und für ihre Bedürfnisse nutzbar zu machen. Als KünstlerInnen befinden wir uns gegenüber diesen Gruppen bezüglich des Zugriffs auf Orte in einer privilegierten Position.
Kunst im öffentlichen Raum dient vielerorts mehr denn je dem "Estate - Development" und der Stadtwerbung. Die Möglichkeiten solcher Instrumentalisierung auch auf kritische Intervention angelegter Kunstprojekte ist bereits umfassend problematisiert worden. Die unfreiwillige Allianz von Kunst mit einer Stadtpolitik, die auf "Nulltoleranz" und Verdrängung marginlisierter Gruppen aus den innerstädtischen Bereichen abzielt, ist oft schwer zu vermeiden.
Das im folgenden vorgestellte Projekt verstehen wir als einen Beitrag zu dieser Debatte. Als Kunstwerk will es neben der diskursiven Form des Textes andere Weisen der Sichtbarmachung und Erfahrbarkeit der bestehenden Konflikte und Dynamiken ermöglichen.

Carmen Mörsch und Thorsten Streichardt, Mai 1999

 

Der Ort
Unser Vorschlag bezieht sich auf den Standort IV der Ausschreibung, die Teilfläche des Unterstadtbahnhofs. Wir konzentrierten uns auf das in der Aufzählung erwähnte "grüne Holzhäuschen". Das Häuschen war stark beschädigt: alle Fensterscheiben und die Glasscheiben der Tür waren zerbrochen. Innen waren die Sanitäranlagen zerstört, die Wände teilweise mit Exkrementen beschmiert. Doch die in den beiden Zimmern vorhandenen Möbel, Schlafstellen, herumliegenden Kleider und noch nicht verdorbenene Reste von Mahlzeiten ließen bei unserer Besichtigung den Schluß zu, daß das Haus von Leuten ohne festen Wohnsitz als Verweil - und Lagerstätte verwendet wurde. Der Ort ist durch ein verschlossenens Tor und eine Umzäunung abgegrenzt. Ein sichtbar frequentiertes Loch im Maschendraht ermöglichte den Nutzern den Zugang zum Haus.
Während sich das übrige Gelände des Unterstadtbahnhofs konjunkturell wiederzubeleben scheint - unseres Wissens produziert die Fa. Wegmann seit Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien wieder voll und nutzt die Bahnanlagen zum Verladen der Rüstungsproduktion - blieb das grüne Häuschen von kurzfristigen und bedeutungsgeladenen Entwicklungen unberührt und unbemerkt im Abseits.

Während wir noch an unserem Konzept schrieben, wurde das Haus von den Grundbesitzern abgerissen. Der Abriß des Gebäudes bestätigte unsere eingangs formulierten Bedenken. Unser ursprünglicher Plan für "Erlaube", der eine Rekonstruktion des Gebäudes und eine Mehrfachnutzung vorsah, kann nun nicht mehr realisiert werden.
Wir haben uns entschieden, an die Stelle des grünen Hauses eine Gartenlaube aufzustellen und unser Konzept im Sinne einer "Kritischen Rekonstruktion" umzuwidmen.
So entstand die 2. Fassung der "Erlaube".

 

Die Transformation

Die Transformation der Gartenlaube in eine "Erlaube" erfolgt durch folgende Eingriffe:
1. Das Loch im Zaun wird zu einem Gartentor umgebaut. Dieses Tor ist der einzige Zugang zum Areal. Eine Treppe aus einfachen Betonschwellen erleichtert den Zugang.

2. Eine Gartenlaube wird auf dem geschredderten Ziegelfundament des vormaligen grünen Hauses errichtet.

3. Auf die Seite rechts neben der Tür wird ein Text als Malerei (grüne Schrift) aufgebracht:
V E R W E I L E N
Ü B E R N A C H T E N
K U N S T B E T R A C H T E N

4. Die Fenster- und Türgläser werden durch entglaste Drahtglasscheiben aus der
Serie "Kristalle" von Thorsten Streichardt ersetzt. Die Tür des Hauses bleibt unverschlossen.

5. Der Innenraum wird nach unseren Vorstellungen neu eingerichtet, mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl. Die Möbel werden von uns entworfen und gebaut. Das Bett wird mit Bettzeug versehen. An den Wänden werden Bilder/ Wandarbeiten angebracht. Ein Gästebuch wird für Eintragungen der BesucherInnen zur Verfügung gestellt.

6. der Wildwuchs auf dem Areal wird belassen.

7. In der Zeit vom 1.5. - 15.10.2000 werden wir einmal im Monat nach Kassel kommen, um die "Erlaube" zu warten. Durch Vandalismus entstandene Schäden werden behoben, das Bettzeug gereinigt bzw. erneuert, zestörte bzw. entwendete Werke ersetzt.

 
Gleichzeitigkeiten und Verschränkungen:
das Potential der "Erlaube"

Nicht die Auflösung von Widersprüchen, sondern deren Verschränkung durch Sichtbarmachung dessen, was gleichzeitig wirksam ist:

Die temporäre Öffentlichmachung des Areals "durch den Hintereingang", unter Beibehaltung der territorialen Markierungen der Arealseigner.

Die Aufwertung und temporäre Legalisierung der illegalen Verwendung der Laube durch die NutzerInnen des vorherigen grünen Hauses bei gleichzeitiger Öffnung für den Kunstkontext.

Die offizielle Freigabe zur vielfältigen und offenen Nutzung des Gebäudes, verbunden mit einer konkreten künstlerischen Setzung durch die Gestaltung des Hauses nach unseren Vorstellungen und die Integration von Werken.

Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Erscheinungsweisen von Kunst:
- das Gebäude und das zugängliche Areal als Werk im Sinne eines erweiterten Skulpturbegriffs
- Wandarbeiten im Zimmer zu Verschönerungs- und Gestaltungszwecken, zur Lust am Schauen.
- die entglasten Sicherheitsglasscheiben "Kristalle" in Fenster und Tür als Kunst am Bau. Sie sind atmosphärisches Gestaltungsmittel (wenn sich das Sonnenlicht in den Glaskristallen bricht....), aber auch Methapher für die Ambivalenzen der Situation: Die Scheiben sind schon kaputt, können nicht mehr zerbrochen werden. Gleichzeitig erscheinen sie aber glitzernd und wertvoll wie Juwelen. Sie verkörpern Verfestigung und Fragilität, klare Setzung und Fragment, Schutz und Verletzungsgefahr. Der Raum ist durch sie abgeschlossen und geschützt, gleichzeitig aber auch zugig und durchlässig.

Die Instandsetzung und zyklische Instandhaltung des Objekts. Der einmonatige Zyklus der Instandhaltung kalkuliert Vandalismus als eine Form öffentlicher Äußerung und führt gleichzeitig unser Bedürfnis, den Ort in unserem Sinne zu erhalten und weiterzuverändern, als formgebendes Element in die Dynamik des Ortes ein.
   
  nach oben